Schriftzug KUNSThappen

Wir haben unser erstes digital/analoges Angebot entwickelt: KUNSThappen.

Seit Dezember 2020 empfiehlt Dr. Franziska Storch für die Lichtwark-Gesellschaft Hamburg e. V. jeden Monat einen KUNSThappen als „Notration“ Kunst. Darunter sind (Online)Ausstellungen und vor allem Kunstwerke im öffentlichen Raum. Die Idee zu dieser Serie ist im Zuge der Corona-Pandemie entstanden, um zur individuellen Kunstbegegnung bei einem (digitalen) Spaziergang. Gerade in einer Zeit zahlreicher Einschränkungen sind anregende Momente des Genießens, die außerhalb des Alltags liegen, besonders wertvoll.


8. KUNSThappen

 

September/Oktober 2021: Herbstausflug an die Elbe

Ein goldener Herbsttag lädt zum Spazierengehen oder sogar zum Radfahren entlang der Elbe ein. Los geht es an den Deichtorhallen, entlang der Kaimauer Richtung Osten bis nach Entenwerder zum goldenen Pavillon. Sowohl am Start- als auch am Zielpunkt gibt es spannende Kunst unter freiem Himmel zu entdecken..

 

Rémy Zaugg: Kanäle … (1992)

an der Oberhafenbrücke hinter den Deichtorhallen

 

AnneMarie Maes: ElbBienen (2019)

auf Duckdalben vor dem goldenen Pavillon in Entenwerder

 

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Rémy Zaugg: Kanäle … (1992)

Fast im Minutentakt rollen Züge über die Hamburger Oberhafenbrücke bei den Deichtorhallen. In der unteren Ebene der Brücke überqueren Autos und Fußgänger die Elbe. Und an den Stahlträgern dazwischen gibt es noch Platz für Kunst. Dort erstrecken sich über die gesamte Brückenlänge weiße Großbuchstaben, die acht Wörter formen: Kanäle     Himmel     Eisenbahnbrücke    Wind    Schiffe    Lagerhäuser    Wolken    Hafenkräne. Vor fast 30 Jahren hatte der Schweizer Künstler Rémy Zaugg (1943-1972) dort die Buchstaben anbringen lassen anlässlich seiner Einzelausstellung in der südlichen Deichtorhalle. Der Konzeptkünstler zeigte dort statt klassischer Bilder gemalte Worte. Während der Ausstellung war ein Fenster in Richtung Oberhafenbrücke geöffnet. Wer hinaussah, hatte den Eindruck, die vermeintliche Wirklichkeit draußen sei verschmolzen mit einem weiteren Wortbild des Künstlers. Im Anschluss an die Einzelausstellung kaufte die Stadt Hamburg das Kunstwerk.


„Zauggs Arbeiten sind eine Reflexion darüber, was Sehen bedeutet“, schreibt die Hamburger Galeristin Karin Günther über Rémy Zaugg*1. Der Schweizer malte Worte auf Leinwände, wie „SCHAU, IM AUGENBLICK BIN ICH BLIND, SCHAU.“ Obwohl wir die ganze Zeit mit unseren Augen sehen, nehmen wir nur Weniges bewusst wahr. Das gilt sowohl für die Umgebung als auch für Bilder. Vom Automatismus zum bewussten Sehen, darum ging es dem Künstler, der selbst sagte: „Ich kann im 20. Jahrhundert den Menschen nicht mehr erklären, wie man ein Bild macht. Ich kann jedoch erklären, wie man ein Bild wahrnimmt.“*2 Die Begriffe an der Oberhafenbrücke sind eine wortwörtliche Beschreibung der Umgebung im Jahr 1992. Es wirkt zunächst absurd, dass auf der Eisenbahnbrücke das Wort Eisenbahnbrücke als Beschreibung prangt. Doch gerade die Begriffe an der Brücke machen den Unterschied zwischen einem Wort (als inneres Bild) und einem Gegenstand (als ein konkretes Bild) deutlich.


Diese acht Wörter an der Oberhafenbrücke veranschaulichen darüber hinaus, wie stark sich ein Ort verändert. Die Lagerhäuser wurden abgerissen oder durch Hochhäuser ersetzt und die Hafenkräne sind Baukränen gewichen. Immer mehr werden die Wörter in weißen Großbuchstaben zu einer Beschreibung der Vergangenheit. Die Begriffe können in zwei verschiedene Kategorien eingeteilt werden: Natur und Bauwerke des Hafens. Sie bilden zusammen eine Stadtlandschaft. Doch egal wie sehr der Mensch die Landschaft formt, das Wetter bleibt bestehen und prägt die Wahrnehmung des Ortes maßgeblich. Wir sehen, hören und fühlen den Wind, die Wolken und den Himmel an jedem Tag immer wieder anders.

Rémy Zaugg: Kanäle … (1992)
Rémy Zaugg: Kanäle … (1992)

AnneMarie Maes: ElbBienen (2019)


Eine ungewöhnliche Skulptur hat die belgische Künstlerin AnneMarie Maes oben auf eine Gruppe von Duckdalben vor dem goldenen Pavillon in Entenwerder installiert. Ein riesiges, dunkles Ei thront auf drei staksigen Metallbeinen über dem Wasser. Es ist das Zuhause der ElbBienen. Die Form des Bienenstocks ahmt ein Pollenkorn in extremer Vergrößerung nach. Den hölzernen Riesenpollen kann man sogar öffnen, indem man den oberen Teil wie einen Deckel aufklappt. Innen hängen Waben und Messtechnik. Nur gelegentlich öffnet der betreuende Imker den Deckel, um die Bienen zum Beispiel gegen Varroamilben zu behandeln. Dafür muss er mit einer langen Leiter vom Ponton über das Wasser bis zur Dalbe steigen.

Der Imker darf die Bienen zwar pflegen, aber den Honig sollen die Bienen behalten, so hat es die Künstlerin entschieden. Schließlich brauchen die Tiere ihn als „Diesel“. Der Honig gibt ihnen Energie, um ganz schnell mit den Flügeln zu schlagen. „Die können ihre … Flugmuskulatur so entkoppeln, dass sie die Muskulatur dazu benutzen, nicht zu fliegen, sondern Wärme zu erzeugen“, sagt Imker Karsten Stöpler. Auch der gesammelte Pollen bleibt bei diesem Kunstprojekt im Stock. Das ist wichtig für die nächste Generation, erklärt der Imker: „Damit aus dem Ei eine Biene wird, braucht es viel Pollen, denn in diesen Pollen sind viele Eiweiße.“

Dass die Bienen die Bestäubung der Blüten in einem großen Umkreis ankurbeln, ist AnneMarie Maes wichtig, deswegen hat der Bienenkorb die Form eines Pollenkorns. Darüber hinaus studiert die Künstlerin das Verhalten der Bienen. Dazu gibt es an dem Bienenkorb jede Menge Technik. Die aktuellen Messdaten kann jede und jeder online mitverfolgen.  Eine Kamera ist auf das Anflugloch gerichtet und schießt ein Foto pro Minute wie eine klassische Wetterkamera. Darüber hinaus zeigt die Internetseite die Innentemperatur, Außentemperatur und Luftfeuchtigkeit an. Sowohl die Künstlerin als auch der Imker waren erstaunt, wie gut die Tiere Temperatur und Feuchtigkeit regulieren können, obwohl der Standort über dem Wasser extrem ungewöhnlich ist.
Das Projekt ElbBienen nutzt die Freiräume von Kunst, keiner wirtschaftlichen Notwendigkeit oder einem praktischen Nutzen folgen zu müssen. Stattdessen beobachtet AnneMarie Maes und bricht mit der Gewohnheit, Bienen als Nutztiere für den Menschen wahrzunehmen. Im Rahmen von künstlerischer Forschung wählte die Künstlerin den besonderen Standort auf dem Wasser aus und sammelt seither Daten. Der einzige indirekte Nutzen für den Menschen ist die gesteigerte Biodiversität in der Umgebung durch die fleißig bestäubenden Insekten.

AnneMarie Maes: ElbBienen (2019)
AnneMarie Maes: ElbBienen (2019)

*1  fhh1.hamburg.de (12.09.2021).

*2   mgksiegen.de, (12.09.2021).


7. KUNSThappen

 

Juni 2021: Spaziergang durch den Gustav-Mahler-Park

Klein und versteckt liegt zwischen Dammtor-Bahnhof und Kennedybrücke der Gustav-Mahler-Park. Der Namensgeber war ein spätromantischer Komponist (1860-1911) mit böhmischen Wurzeln. Seine umfangreiche Ausbildung in Wien war das Fundament für seinen Erfolg. Er leitete zahlreiche Opernhäuser und Theater als Kapellmeister, darunter 1891-97 das Stadt-Theater in Hamburg. In diese Zeit fällt seine Uraufführung von Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Puschkin. Besonders waren die Operninszenierungen von Gustav Mahler dadurch, dass er über die Musik hinaus auch die visuelle Gestaltung übernahm. Das war damals revolutionär und entsprechend umstritten.

Der Gustav-Mahler-Park enthält mit überraschenden Skulpturen ebenso versteckte Juwelen wie das Werk des spätromantischen Komponisten.

 

 

Walter Dexel: Lichtplastik (1926, Plexiglas, Metall)

Edgar Augustin: Rugby-Spieler (1970, Bronze)

 

Gustav-Mahler-Park, Esplanade, 20354 Hamburg - Neustadt

 

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Walter Dexel: Lichtplastik (1926, Plexiglas, Metall)

Eine Plastik in intensiven Farben ist ungewöhnlich und zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Walter Dexel setzte die Plastik aus farbigen Glasplatten in Weiß, Gelb, Rot und Blau zusammen. Die schwarzen Metallfassungen geben der Plastik den dreidimensionalen Rahmen und machen aus den flachen Scheiben unterschiedlich große Quader. Insgesamt erscheint die Plastik wie ein Turm aus überdimensionierten, bunten Bauklötzern.

Die Farben und Formen erinnern an die Gemälde von Piet Mondrian oder Theo van Doesburg, wichtigen Mitgliedern der niederländischen Künstlergruppe De Stijl. Und tatsächlich ist Walter Dexel seit 1921 mit De Stijl-Mitglied Theo van Doesburg bekannt und befreundet gewesen. Die Idee, Kunstwerke auf ein Minimum an Farben und Formen zu reduzieren um die visuelle Kraft zu verstärken, war in dieser Künstlergruppe stark ausgeprägt. In jener Zeit war Walter Dexel Leiter des Kunstvereins Jena und stand auch im Austausch mit dem Bauhaus in Weimar. Infolgedessen wendete er sich immer stärker der Gebrauchskunst zu. In den 1920er Jahren entwarf er Reklameuhren, Lichtreklame und auch beleuchtete Telefonzellen als ästhetische Elemente im Stadtraum. Damit war er ein Vorreiter der heutigen Leuchtreklame..*1 Die Idee, Objekte von innen zu beleuchten, übertrug er sogar auf seine künstlerischen Arbeiten, wie die Lichtplastik im Gustav-Mahler-Park, die nachts ebenfalls leuchtet.


Auch tagsüber lohnt sich ein Besuch, denn die Plastik hat eine interessante Wechselwirkung mit ihrer Umgebung. Vom Weg aus betrachtet ragt die bunte Plastik hoch auf und bildet einen Kontrapunkt zu dem dunklen Backsteingebäude dahinter, das mit einem einzigen Stockwerk und Flachdach sehr niedrig ist. Verlässt man den Weg und geht um die Plastik herum, bietet sich auf der Rückseite ein anderer Eindruck. Nun bildet das Hochhaus mit der weißen Blendfassade den Hintergrund. Weiß überwiegt auch auf der Rückseite der Plastik, die nun winzig und wie das Modell eines Hochhauses erscheint.

Walter Dexel: Lichtplastik (1926, Plexiglas, Metall)
Walter Dexel: Lichtplastik (1926, Plexiglas, Metall)

 

Edgar Augustin: Rugby-Spieler (1970, Bronze)

 

Edgar Augustin*2 hat die beiden Rugby-Spieler in einer sehr typischen Situation dargestellt, sagt der erste Vorsitzende des Hamburger Rugby-Verband e. V. Der eine Spieler greift den Ballbesitzer an, der wiederum wirft sich zu Boden und legt den Ball auf der Seite seiner eigenen Mannschaft ab. Diesen entscheidenden und dynamischen Moment, Tackle genannt, habe der Künstler sehr gut beobachtet, schwärmt der Vorsitzende des Verbands. Doch die Kleidung der beiden Spieler irritiert ihn. Die Ausstattung der Sportler bei Edgar Augustin erinnert eher an die verwandte Sportart American Football, bei der die Spieler Helme und Schulterpolster sowie nummerierte Oberteile tragen.*3 Edgar Augustin nahm deren Sportkleidung als Ausgangspunkt für seine eigene Gestaltung. Die Köpfe sind rundum geschützt ohne Visier. Dass der Helm keine Gitter hat, könnte auch mit der schwierigen Umsetzung der Stäbe in Bronze zusammenhängen. Die Helme ersetzen die Gesichter, sodass die Individualität der Spieler unwichtig wird. In Richtung Füße hat der Künstler die Körper der Sportler schrittweise entblättert bis hin zur Nacktheit. Diese Skulptur repräsentiert Edgar Augustins Spätwerk. Über die Entwicklung des Künstlers schreibt Volker Plagemann: „[S]eit den sechziger Jahren befasste er sich auch mit der Geometrisierung des menschlichen Körpers im Sinne Oskar Schlemmers. Seit den siebziger Jahren beschäftigt er sich mit einzelnen Körperteilen und mit verhüllten Körpern.“*4 Auch die Körper der Rugby-Spieler von 1970 sind im oberen Bereich geometrisiert durch die Schutzkleidung. Das Spiel mit Ver- und Enthüllung ermöglicht an der Skulptur unterschiedliche Oberflächen: von glatten Helmen über Rillen am Brustpanzer bis hin zu Muskelwölbungen an den Beinen.

 

Die Darstellung von Sportlern mit intensivem Körperkontakt hat in der Kunstgeschichte eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Selbst Lucas Cranach hat 1539 das Buch „Ringer Kunst: Fünff und Achtzig Stücke“ mit eigenen Zeichnungen herausgegeben.*5 Edgar Augustin knüpfte an diese Tradition an und hat gleichzeitig eine zeitgenössische Umsetzung gefunden, indem er eine Sportart wählte, die erst im frühen 19. Jahrhundert entstanden war. Rugby entwickelte sich wahrscheinlich in der gleichnamigen englischen Stadt als Variation von Fußball. Zunächst wurde Rugby nur von Jungen an weiterführenden Schulen gespielt und galt deshalb als Sport der höheren Schicht.*6 In Deutschland führte der Sport lange ein Schattendasein in Fußballvereinen. Erst 1952 kam es in Hamburg zu einer Ausgründung mit 17 Vereinen. Eine Rugby-Bundesliga – der FC St. Pauli gehörte zu den Gründungsmitgliedern – entstand sogar erst 1971, also ein Jahr nach Edgar Augustins Rugby-Spielern.*7

Edgar Augustin: Rugby-Spieler (1970, Bronze)
Edgar Augustin: Rugby-Spieler (1970, Bronze)

*1  Zur Biografie vgl. u. a. kettererkunst.de, lempertz.com sowie Wikipedia/Walter_Dexel (07.06.2021).

*2  Zur Biografie vgl. u. a. Wikipedia/Edgar_Augustin (07.06.2021).

*3  Am 26. September 2020 versteigerte das Hamburger Auktionshaus Stahl eine Bleistiftzeichnung von Edgar Augustin von 1970 mit zahlreichen Football-Spielern. Vgl. auktionshaus-stahl.de (07.06.2021).
*4  Volker Plagemann: „ ,Kunst am Bau’ nach 1950“, in: ders. (Hg.), Kunst im öffentlichen Raum. Ein Führer durch die Stadt Hamburg, Hamburg 1997, S. 143.
*5  Abbildungen dieser Zeichnungen gibt es online (06.05.2021).
*6  Vgl. Wikipedia/William_Webb_Ellis (06.05.2021).
*7  Vgl. Wikipedia/Hamburger_Rugby-Verband (07.06.2021).


6. KUNSThappen

 

Mai 2021: Spaziergang durch Planten un Blomen

Im Wonnemonat Mai grünt und blüht es wie verrückt. Welcher Ort wäre da besser geeignet als Planten un Blomen für einen Spaziergang mit KUNSThappen?

 

Barbara Haeger: Weibliche Gestalt (1953, Bronze)
Hans Kock: Weibliche Gestalt (1953, Bronze)
Ursula Querner: Aurora (1953, Bronze)

Planten un Blomen, Marseiller Str. 7, Hamburg-St. Pauli

 

Janina SantaMarina: Intervention im Stadtraum (2020/21, Plastik)

 Planten un Blomen, Marseiller Str. 7, Hamburg-St. Pauli

 

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Barbara Haeger (1919 Schlesien - 2004 Hamburg): Weibliche Gestalt (1953, Bronze)
Hans Kock (1920 Kiel - 2007 Kiel): Weibliche Gestalt (1953, Bronze)
Ursula Querner (1921 Dresden - 1969 Hamburg): Aurora (1953, Bronze)

Zur Internationalen Gartenausstellung 1953 wurden drei nackte Frauengestalten aus Bronze von drei unterschiedlichen Künstlern im nordwestlichen Teil von Planen un Blomen – zu Füßen des Fernsehturms – wie eine lose Gruppe aufgestellt. Folgt man dem Sandweg, kommt man nacheinander an ihnen vorbei. Diese Suite lädt dazu ein, interessante Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken.


Alle drei Künstler haben naturalistische Frauenkörper geformt und ihre Figur in einem Kontrapost dargestellt. Stand- und Spielbein lassen teilweise den Eindruck einer Schrittbewegung entstehen. Die drei Frauenfiguren wirken wie Badende in der grünen Landschaft des Parks. Diesen Eindruck verstärken die Badetücher, die Ursula Querner und Barbara Haeger hinzugefügt haben. Hans Kock verzichtet auf Textilien – oder etwa doch nicht? Seine Frauenfigur hat einen eigenartigen Topfschnitt, und mit etwas Fantasie könnte man ihn sogar als Badehaube deuten.


Ganz individuell fallen die Arm- und Handbewegungen der drei Frauen aus. Ursula Querner macht über den Titel Aurora deutlich, dass sie die Göttin der Morgenröte dargestellt hat, die frisch dem Bade entstiegen ist und mit ausgebreiteten Armen den Tag empfängt. Barbara Haegers Frauenfigur ist gerade dabei, sich das Handtuch über die Schulter zu legen, daher wirkt die Form geschlossener, mehr mit sich beschäftigt. Die Rosen in ihrer rechten Hand passen sich wunderbar in die blühende Parkumgebung ein. Bei Hans Kocks Figur fällt die eigenwillige Gestik auf. Der linke Arm ist halb erhoben, aber die Hand hängt locker nach unten und der rechte Arm ist spitz angewinkelt, sodass die Hand auf Schulterhöhe Richtung Hals zeigt mit eigenartig gekünstelten Fingern. Vielleicht sollte die Figur doch etwas halten? Heute haben wir leider weder Belege dafür noch dagegen. Aber eine Gitarre oder eine Laute würde sich hier gut einpassen und als Hinweis auf die Musik wunderbar in diesen Reigen passen.

Janina SantaMarina: Intervention im Stadtraum (2020/21, Plastik)

Die Hamburgerin Janina SantaMarina (*1986) tritt seit vergangenem Herbst in Interaktion mit Frauenskulpturen in der Hansestadt. Ihr ist aufgefallen, dass es zahlreiche nackte Frauenfiguren in Hamburg gibt, aber nur wenige männliche Statuen, die nackt sind. Und sie hat beobachtet, dass die Darstellung des Schambereichs eine Barbie-Ästhetik aufweist. Wie explizit darf man diesen Bereich darstellen? Wie hat sich das Bild von Weiblichkeit von Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute verändert? Und wie behandelt der Biologieunterricht den weiblichen Körper – 1953, 1993 und heute?


All diese Fragen haben die Künstlerin bewegt, nackten Frauenstatuen in Hamburg etwas anzuziehen und zu schauen, was das auslöst. Seit dem vergangenen Herbst hat sie schon sechs verschiedene Frauenskulpturen, quer über Hamburg verteilt, angezogen. Die maßgefertigte Kleidung sieht wie ein weitmaschiges Strick- oder Häkelkleid aus. Dafür schneidet die Künstlerin mehrere hundert Plastiktüten in dünne Streifen und knotet sie zusammen, sodass diese speziellen „Decken“ entstehen. Die besondere Mode ist entweder komplett weiß oder komplett rot.


Für einen einzigen Nachmittag legt Janina SantaMarina ihr maßgeschneidertes Kunstwerk über eine Skulptur, wartet daneben geduldig und kommt mit vielen Passantinnen und Passanten ins Gespräch. Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich, von Begeisterung, dem Wunsch anzufassen und vielen Fragen, bis hin zu totaler Ablehnung. Doch eins schafft Janina SantaMarina dadurch auf jeden Fall: Unbeachtete Skulpturen ins Gespräch zu bringen, und sie mal ganz anders anzusehen.

Zuletzt hat Janina SantaMarina ein weißes Kleidungsstück für die „Liegende“ von Edgar Augustin auf dem Stephansplatz geknotet. Dafür hat sie in 4 Wochen 600 Plastiktüten verarbeitet. An einem Nachmittag im April war dann Modenschau am Eingang zu Planten un Blomen. Die nächste Chance, die ungewöhnliche Mode zu sehen und der Künstlerin Janina SantaMarina zu begegnen bietet sich schon bald. Zu Pfingsten wird sie Hans Kocks „Weibliche Gestalt“ als Model wählen.


5. KUNSThappen

 

April 2021: Spaziergang an der Binnenalster

Beim Spaziergang um die Binnenalster schweift der Blick gerne über das Wasser. Doch auch am Ufer gibt es Spannendes zu entdecken. Zwei Kunstwerke unter freiem Himmel, die dort stehen, präsentieren wir Ihnen in dieser neuen Ausgabe von KUNSThappen.

 

Laurence Weiner: An den See, auf dem See, von dem See, an dem See (1970-2004), Hochglanz-Industrielack auf Hauswand

ZBW-Hauswand, Neuer Jungfernstieg 21/Fehlandtstraße, Hamburg-Neustadt

 

Francisco Zúñiga Chavarría: Sitzende (1979), Bronze

Neuer Jungfernstieg 20/Fehlandtstraße, Hamburg-Neustadt

 

 

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Laurence Weiner: An den See, auf dem See, von dem See, an dem See (1970-2004),

Hochglanz-Industrielack auf Hauswand

Weit oben an der seitlichen Hauswand der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW)*1 am Neuen Jungfernstieg befindet sich das Kunstwerk von Laurence Weiner. Über acht mal sechs Meter erstreckt sich das ungewöhnliche Gedicht in cyanblauen Großbuchstaben, die in der Sonne glänzen.

AN DEN SEE
AUF DEM SEE
VON DEM SEE
AN DEM SEE


Durch das Spiel mit verschiedenen Präpositionen entsteht eine Ode an den See. Die rechtsbündige Setzung betont die Wiederholung des Wortes See, das sich dadurch wie in einer Wassersäule auftürmt. Das von links nach rechts in Zeilen gelesene Wort wird zu einer blauen Fläche. Die Schrift wird zum Schriftbild – und schließlich zum Bild dessen, was sie beschreibt. Mit dem Wort See spielt der Künstler wie ein Schriftsetzer, sodass das Bild einer blauen Wasserfläche an der Hauswand entsteht: ein See.

Obwohl die Arbeit so wirkt, als ob sie nur für diesen Ort geschaffen wurde, ist die gut 50 Jahre alte Schrift-Skulptur schon an anderen Orten in anderen Ausführungen zu sehen gewesen. Zum Beispiel war sie in Zürich im Kunsthof an der Limmatstraße installiert, der zur Züricher Hochschule der Künste gehört. Dort wurde die Arbeit 1995 mit roten Buchstaben und in einer anderen Schriftart sowohl in Deutsch als auch in Englisch angebracht. Erst 2004 wurde die Arbeit dann in Hamburg in einer angepassten Form realisiert, finanziert durch die Michael und Susanne Liebelt-Stiftung.*2

Laurence Weiner (*1942) ist ein US-amerikanischer Künstler, der mit Sprache arbeitet. Er hat zwar nur wenige Semester Literatur und Philosophie studiert, aber die Schriftsprache wird in seiner Kunst ab den späten 1960er Jahren zum wesentlichen Element. Laurence Weiner gilt als einer der wegweisenden Konzeptkünstler des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch sein „Statement of Intent“ (1969), in dem er schreibt, dass seine künstlerischen Arbeiten ebenso gut von ihm selbst wie von anderen realisiert werden können oder auch nur als bloßes Konzept existieren können.*3 Er selbst spricht über seine Arbeiten als „language + the material referred to“*4, denn Schrift ist eine Sprache und sie bezieht sich auf real existierende Gegenstände. Und die Schriftsprache hat das Potential, die Vorstellung an Gegenstände auszulösen. Das macht beispielsweise das Lesen von Romanen zu einem anregenden Erlebnis. Darüber hinaus wirken Laurence Weiners in sehr großen Buchstaben ausgeführten Worte häufig wie Reliefs und es kommt zu einer Wechselwirkung zwischen Text, dem Untergrund und der Umgebung. Der Künstler selbst nennt seine Arbeiten deswegen auch Text-Skulpturen.

 

Laurence Weiner: An den See ..., 1970-2004
Laurence Weiner: An den See ..., 1970-2004

Francisco Zúñiga Chavarría: Sitzende (1979),

Bronze

Die „Sitzende“ am Neuen Jungfernstieg fällt sowohl durch ihre ungewöhnliche Körperhaltung als auch durch ihr Körpervolumen auf. Aus europäischer Sicht erinnert sie an Frauenfiguren des niederländischen Künstlers Peter Paul Rubens (1577-1640). Doch der Bildhauer Francisco Zúñiga Chavarría war Südamerikaner und er präsentiert die runde Frau als indigenes Schönheitsideal. Sie ist nur eine von zahlreichen indigenen Frauen, die der Künstler in Bildern und Skulpturen selbstbewusst in Szene gesetzt hat.*5 Die zu einem lockeren Schneidersitz überschlagenen Beine haben ein Echo in den Armen, die hinter dem Kopf verschränkt sind. Die entspannte Wirkung dieser Haltung wird erst möglich, weil sich die Figur anlehnen kann. Dafür hat der Bildhauer ihr einen mehrstufigen Sockel gegeben, der wie eine breite, um die Ecke führende Treppe aussieht. An der obersten Stufe lehnt die Frau, auf der mittleren sitzt sie und auf der untersten legt sie ihr rechtes Bein ab.

Spannend ist auch bei dieser Skulptur, wo und wie sie aufgestellt ist. Das Gesicht der Frau ist Richtung Süden gewendet, statt östlich in Richtung Binnenalster zu blicken. Dadurch schaut sie in Richtung Sonne und zum Übersee-Club (Gründung 1922 zur Stärkung der Wirtschaft). Ihre Nachbarschaft ist eine sehr erhabene: vor sich der Wirtschaftsclub, rechter Hand die Berenberg Privatbank (Gründung 1590 (!) als Handelshaus) und im Rücken die ZBW (Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften als Teil eines Leibniz-Instituts). Sie ist also von Gebäuden umgeben, die für wirtschaftlichen Einfluss, Strategien der Geldanlage und die Verbindung von Wirtschaft und Politik stehen. In dieser von geistiger und körperlicher Anspannung geprägten Umgebung liefert sie einen Moment der Entspannung. Diesen kann man mit der Figur teilen, wenn man sich auf die Parkbank setzt, die unmittelbar hinter der Skulptur aufgestellt ist. Auf der Bank sitzend kann man der Frau über die Schulter schauen und nachahmend die gleiche Körperhaltung einnehmen: sich zurücklehnen und entspannen.

Darüber hinaus verkörpert die Frauenskulptur eine Gegenperspektive in der Handelsstadt Hamburg, die sich selbst als Tor zur Welt versteht. Sie bringt einen südamerikanischen Blick auf die Welt nach Hamburg, der hier einen spannenden Kontrapunkt setzt und die Normen durch ein toll gestaltetes Kunstwerk hinterfragt.

Francisco Zúñiga Chavarría (1912-1998) war ein südamerikanischer Maler und Bildhauer, wie schon sein Vater. Der hatte vor allem religiöse Arbeiten geschaffen. Francisco Zúñiga Chavarría wanderte in seinen frühen 20er Jahren nach Mexiko aus und machte eine Karriere an der Universität von Mexiko-Stadt. *6 Ebenso wie Oliverio Martínez, bei dem er Bildhauerei studiert hatte, stellte er menschliche Körper mit viel Volumen dar. Während Oliverio Martínez seine Figuren eher kantig gestaltete, sodass sie noch wuchtiger erscheinen, formte Francisco Zúñiga Chavarrías seine Figuren runder und dadurch lebendiger. Die Vorliebe für das Volumen mag zwei Ursachen haben. Einerseits ergeben sich dadurch bildhauerisch spannendere Formen und Rundungen. Andererseits liefern seine Figuren eine eigenständige Wertschätzung der indigenen Bevölkerung Südamerikas.

 

*1  Erst seit 2007 ist das Gebäude Teil der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) mit Hauptsitz in Kiel. Die Hamburger Außenstelle war 1908-2006 das Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv.

*2  Vgl. Isabel Abele: „Laurence Weiner. An den See / auf dem See / von dem See / an dem See / grenzend an den See (1970-2004)“, in: Uwe Fleckner (Hg.), Kunst in der Stadt Hamburg. 40 Werke im öffentlichen Raum, Berlin 2007, S. 23-25.

*3  Seine Arbeit „Statement of Intent“ (1969) übersetzt den Buchtext in eine Textinstallation im Raum. Vgl. eine Installationsansicht dieser wegweisenden Arbeit in der Dia Art Foundation, New York online (16.04.2021).

*4 kunstaspekte.art/person/lawrence-weiner (16.04.2021).

*5  Vgl. Absatz „Estilo“ auf ecured.cu (18.04.2021).

*6  Vgl. zur Biografie online (18.04.2021).

 

Francisco Zúñiga Chavarría: Sitzende, 1979
Francisco Zúñiga Chavarría: Sitzende, 1979

4. KUNSThappen

 

März 2021: Spaziergang und Schaufensteausstellung am Südostufer der Außenalster

 

Stern Wywiol Galerie: Matthias Garff. Wild Thing

An der Alster 81, , Hamburg - St. Georg. Bis 15. Mai 2021 geöffnet.

 

Max Bill: Rhythmus im Raum (1947/48), Granit

An der Alster/Kennedy-Brücke, Hamburg - St. Georg

 

 

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Stern Wywiol Galerie:

Matthias Garff. Wild Thing
In der Nachbarschaft zum Hotel Atlantik befindet sich die Stern Wywiol Galerie in einem Eckhaus mit zwei langen Fensterfronten, sodass Passanten alle Ausstellungen auch von außen sehen können.

 

Die aktuelle Einzelausstellung des Künstlers Matthias Garff (*1986) in der Galerie zeigt jede Menge Plastiken von Tieren. Der Titel „Wild Thing“ spielt darauf an, dass hier nur wilde Tiere zu sehen sind, wie Insekten und Vögel. Diese wurden vom Menschen weder gezähmt noch genutzt. Sie in der Natur zu beobachten, bedarf viel Geduld und Ausdauer. Der Schweizer Künstler Matthais Garff stellt eine Verbindung zwischen Menschen und den wilden Tieren her. Er baut sie aus Abfällen der Menschen, wie Feuerwerkskörper, Schuhe, Kaffeekannen, Gürtel oder Kronkorken. Im künstlerischen Upcycling wird aus Müll eine Heuschrecke, ein Kolibri oder Waschbären. Der Künstler wählt die Materialien so aus, dass er auch die Farbigkeit der Tiere nachbilden kann. Gelegentlich steigert er die Nähe zum Vorbild, indem er die fertige Form mit Farben anmalt. Matthias Garff, der in Dresden studiert hat und in Leipzig lebt, steht mit seinen wilden Tieren in der Tradition der gegenständlichen Kunst, die besonders an den Hochschulen in Sachsen gepflegt worden ist.


Die wilden Tiere sind wunderschön anzuschauen und gehen gleichzeitig mit dem Thema Umweltverschmutzung sehr spielerisch um. Statt den Zeigefinger zu heben, zeigt Matthias Garff, welch tolles Potential in unserem Müll steckt. Jedes der wilden Tiere hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Davon erzählt der Künstler auch in dem Begleitvideo der Galerie. Beispielsweise ist ein Fuß des Waschbären einst seine Kaffeekanne gewesen.

Stern Wywiol Galerie: Matthias Garff. Wild Thing
Stern Wywiol Galerie: Matthias Garff. Wild Thing

Max Bill: Rhythmus im Raum (1947/48),

Granit

In direkter Nachbarschaft zur Stern Wywiol Galerie, am Südostufer der Außenalster, steht eine filigrane Skulptur aus Granit. Der Schweizer Künstler Max Bill (1908-1994) hat hier aus einem Block drei schwungvolle Ringe herausgearbeitet. 1953 wurde die Granitskulptur in der Hansestadt im Rahmen der Ausstellung „Plastik im Freien“ gezeigt und 15 Jahre später kaufte die Stadt die Arbeit an.


„Rhythmus im Raum“ ist in Anlehnung an das sogenannte Möbiusband entstanden, eine besondere mathematische Fläche. Das Band lässt sich einfach nachbauen: Man nimmt einen Papierstreifen, verdreht ihn in der Längsrichtung und klebt dann die Enden zusammen. Wer nun mit dem Finger auf der Fläche entlang fährt, kommt vom scheinbaren Inneren des verdrehten Rings zur scheinbar äußeren Seite, ohne den Finger abzusetzen. Tatsächlich ist es eine zusammenhängende Fläche, die nur eine Seite und eine Kante hat. Vor 163 Jahren beschrieben der Leipziger Astronom und Mathematiker August Ferdinand Möbius und der Göttinger Physiker und Mathematiker Johann Benedict Listing – ohne voneinander zu wissen – diese besondere mathematische Fläche.


Max Bill hat für seine Skulptur an der Alster die Grundidee des Möbiusbands aufgegriffen, aber es noch etwas komplexer gemacht, indem er hier drei Ringe gewissermaßen aneinander setzte. Auch hier können Passanten mit dem Finger entlang der schmalen Fläche fahren – ohne ihren Finger abzusetzen – und gelangen so zu jedem Punkt der Skulptur. Max Bill war fasziniert von der Idee des Möbiusbands, sodass es zahlreiche Skulpturen von ihm gibt, die mit dieser mathematischen Figur spielen. Sein Interesse für Geometrie entwickelte er insbesondere am Bauhaus in Dessau, wo er die Jahre 1927-29 verbrachte. Die Ideen des Bauhauses versuchte er nach seiner Rückkehr in die Schweiz auch dort zu verwirklichen. Er verfasste Texte, war als Grafiker, Maler, Bildhauer und Architekt tätig. Damit gilt er als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten „konkreten Kunst“, die sich nicht am Gegenständlichen orientiert, sondern freie geometrische Formen schafft.

Max Bill: Rhythmus im Raum (1947/48)
Max Bill: Rhythmus im Raum (1947/48)

3. KUNSThappen

 

Februar 2021: Spaziergang am Westufer der Außenalster

 

Thomas Stricker: Meteoritenwerkstatt (2000)

Alstervorland, südlicher Alsterpark, 20148 Hamburg (Rotherbaum)

 

Ursula Querner: Orpheus und Euridike (1958)

Alsterpark, Fährdamm, 20148 Hamburg (Rotherbaum)

 

 

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Thomas Stricker: Meteoritenwerkstatt (2000)

Beton, Blatt-Palladium
Was für ein riesiger Klumpen liegt da auf der Alsterwiese? Er glänzt silbrig, also kann es kein Findling sein. Er sieht aus wie von einer anderen Welt, aber für einen Meteoriten fehlt der Einschlagskrater. Die Außenalster wäre ein angemessener Krater für einen Meteoriten dieser Größe. Vor gut 20 Jahren ist dieser eigentümliche Koloss direkt an der Alster entstanden. Der Künstler Thomas Stricker hatte ein großes, weißes Zelt aufgebaut, das sich wie eine Halbkugel über die Wiese stülpte, gestützt mit einem Gerüst aus Dreiecken. In diesem Zelt stellten der Künstler und seine Mitarbeiter über einen Zeitraum von zwei Monaten den „Meteoriten“ her. Zunächst bauten sie die Negativform mit zwei riesigen Halbkugeln aus Styropor. In die füllten sie Gips, rollten dann die Kugel, sodass sich das Material im Inneren verteilte. Dadurch gelangte an manche Stellen mehr, an andere weniger Gips und trocknete mit einer unregelmäßigen Oberfläche wie eine Höhle. Danach spritzten sie diese Negativform von innen mit flüssigem Beton aus. Dafür kletterte der Künstler in die Kugel und verteilte dort den Beton möglichst gleichmäßig. Die einstige Öffnung der Kugel wurde durch kippen zu ihrer Standfläche. Nachdem die fertige Betonform aus ihrer Hülle befreit worden war, überzogen der Künstler und seine Mitarbeiter die Oberfläche mit einer Schicht aus Palladium, sodass dieser Koloss nun metallisch glänzt.


Das gewölbte Riesenzelt stand allen Hamburgerinnen und Hamburgern offen. Sie durften dem Künstler bei seiner Arbeit über die Schulter schauen, ihn befragen und miterleben, wie dieser Schein-Meteorit entsteht. Je länger dieser Entstehungsprozess her ist, umso weniger Leute können sich daran erinnern. Dabei waren diese Wochen spektakulär, nicht zuletzt wegen des an eine wissenschaftliche Forschungsstation erinnernden Zelts oder der Schutzkleidung zum Ausspritzen, durch die der Künstler wie ein Astronaut aussah.
Hier an der Außenalster wurde also kein Meteorit gefunden, sondern ein künstlicher geboren. Die „Meteoritenwerkstatt“ rückte die Bedeutung von Meteoriten als Zeitkapseln ins Bewusstsein, die Wissen über die Geschichte des Universums in sich tragen und zugleich aus anderen Teilen des Weltalls stammen können. 14 Jahre nach Thomas Strickers Kometenwerkstatt gelang es erstmals einen Kometen im Flug zu untersuchen. Die Raumsonde Rosetta brachte den Lander Philae auf den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, der die Form einer Gummiente hat. 10 Jahre war die Sonde für ihr Mission unterwegs gewesen. Ein Menschenleben dauert im Durchschnitt etwa 78 Jahre, die Menschheit existiert wohl seit ca. 300.000 Jahren und das Universum ist vermutlich fast 14 Milliarden Jahre alt.


Der Schweizer Thomas Stricker (*1962) lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er machte erst eine Lehre als Elektronikmechaniker bevor er freie Kunst in Düsseldorf studierte (Meisterschüler bei Klaus Rinke). Verschiedene Arbeitsstipendien führten ihn in die äußere Mongolei, Norwegen, Australien, Mexiko und China. Thomas Stricker erhielt mehrere Auszeichnungen, u. a. den Förderpreis für Bildende Kunst des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Bonn 1990 und den Sparda Kunstpreis 2009. Seit gut 20 Jahren interessiert ihn besonders die Kunst im öffentlichen Raum.

 

Hier ist der Entstehungsprozess toll dokumentiert: meteoritenwerkstatt.de.

Thomas Stricker: Meteoritenwerkstatt (2000)
Thomas Stricker: Meteoritenwerkstatt (2000)

Ursula Querner: Orpheus und Euridike (1958)

Bronze

Eurydike und Orpheus gehören zu den bekanntesten Paaren der Antiken Mythologie. Es gibt zahlreiche Gemälde zu ihrem schweren Schicksal. Durch Christoph Willibald Gluck (Orfeo ed Euridice, 1762) ging der Stoff sogar in die Musikgeschichte ein.
Eurydike starb durch einen Schlangenbiss während ihrer Flucht vor Aristaios, u. a. Gott der Imkerei und des Olivenbaums, der sie vergewaltigen wollte. Nach dem Tod seiner Frau Eurydike zog der Sänger und Lyraspieler Orpheus in die Unterwelt, um seine Geliebte zurück zu bekommen. Mit seiner wunderbaren Musik gelang es ihm, den Gott der Unterwelt, Hades, zu bewegen, die schöne Eurydike gehen zu lassen. Doch seine Bedingung, dass Orpheus sich beim Verlassen der Unterwelt nicht nach Eurydike umdrehen durfte, konnte der tapfere Musiker nicht erfüllen und verlor seine Geliebte daher für immer.


Die Bildhauerin Ursula Querner zeigt das Paar scheinbar vereint. Obwohl die beiden Bronzeskulpturen sie dicht beieinander stehen, hat jede ihren eigenen Sockel. Orpheus ist so aufgestellt, dass er leicht in die Richtung von Eurydike gedreht ist. Eurydike steht schräg vor Orpheus – in der Unterwelt musste er vorgehen und sie lief hinter ihm – und sie blickt gerade aus. Er hat hält in der einen Hand die Lyra, die andere hat er poetisch erhoben. Nur wenige Zentimeter fehlen, dass er Eurydike an der Schulter vorsichtig berührt oder die Hand wieder senkt und in die Lyra greift. Eurydike hat ihre Arme leicht erhoben, wie in einer Bewegung. Vielleicht setzt sie gleich zum Tanz an oder hat einen solchen gerade beendet.


Sie stehen so am Wegesrand, dass sie alle Spaziergänger anschauen, die ihren Blick in Richtung Alster wenden. So kann man Kunst und Aussicht gleichzeitig genießen. Der Ort ist auch deswegen so wunderbar geeignet, weil dadurch die Alster an den Fluss Styx erinnert, der die Welt der Lebenden und der Toten voneinander trennt. Die Künstlerin verweist durch die Kleidung auf die Antike: Beide Figuren tragen gewickelte und gebundene Tücher. Zahlreiche Furchen durchziehen den Stoff wie Linien eines komplexen Faltenwurfs. Die Körper von Orpheus und Eurydike sind dabei so dünn, dass sie fast wie Strichmännchen wirken, wie eine dreidimensionale Skizze oder als Schatten ihrer selbst. Denn der Antiken Mythologie nach war das Paar erst nach dem Tod von Orpheus wieder vereint, als Schatten.


Das Paar „Orpheus und Eurydike“ wurde 1963 zur Internationalen Gartenausstellung zunächst in den Wallanlagen aufgestellt und wechselte 1971 den Platz an die Alster. Für große Aufregung sorgte im Oktober 2011 ihr Verschwinden. Metalldiebe hatten Eurydike bis auf die Füße abgesägt und ihrem Orpheus geraubt, der ebenfalls beschädigt wurde. Glücklicherweise besaß die Tochter von Ursula Querner eine zweite Fassung der Eurydike-Figur. Durch Privatspenden konnte ein Neuguss und eine Arretierung finanziert werden, sodass Eurydike und Orpheus seit Sommer 2012 wieder vereint sind.


Ursula Querner (*1921) kam als Kind mit ihrer Familie aus Dresden nach Hamburg. Nach einer Lehre als Holzbildhauerin studierte sie unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg an der damals neuen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Edwin Scharff. Studienreisen und Stipendien führten sie immer wieder nach Südeuropa und zeitweise lebte sie auch in Italien. 1969 starb die Künstlerin in Hamburg mit nur 48 Jahren.

Ursula Querner: Orpheus und Euridike (1958)
Ursula Querner: Orpheus und Euridike (1958)

2. KUNSThappen

 

Januar 2021: 

 

Sol LeWitt: Black Form – dedicated to the missing Jews (1987-89)

Museumstraße 15, 22765 Hamburg (Rathaus Altona)

 

 

Paul Türpe/Otto Bommer: Stuhlmannbrunnen (1897-1900)

Museumstraße 29, 22765 Hamburg (Platz der Republik)

 

 

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Sol LeWitt: Black Form

Vor dem Kopfende des Altonaer Rathauses – ehemals das Bahnhofsgebäude – steht ein riesiger schwarzer Quader aus Gasbetonsteinen (200 x 550 x 200 cm), der innen hohl ist. Vor der prunkvollen Fassade und dem monumentalen Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I (1898) wirkt er als Störfaktor. Wie ein schwarzer Zensur-Balken liegt er quer von dem Gebäude, in dem lokale Politik gemacht wurde und wird. Das Fehlende, die Leerstelle sichtbar zu machen, ist die Kraft dieser sperrigen Arbeit, die den fehlenden Juden gewidmet ist. Der Umfang der schwarzen Form verkörpert das Ausmaß des „Ausstreichens“, sein Inneres beherbergt die Leere, die dadurch entstanden ist.

Steht man davor, wird der Quader zu einer schwarzen Lücke im Sockelgeschoss des Rathauses, also zur Fehlstelle im Fundament der Demokratie. Eine solche Fehlstelle wurde durch die Deportation von über 2.000 Juden aus Altona in die Gesellschaft und das politische Leben von Altona gerissen.Sie wird in Sol LeWitts schwarzer Form zu einem riesigen Stolperstein, der nicht übersehen und somit nicht vergessen werden kann.

Dass dem Künstler Sol LeWitt das Thema am Herzen lag, spiegelt sich auch darin wieder, dass er sein Honorar für dieses ganz besondere Mahnmal an die Foundation for the History of the German Jews spendete.

Sol LeWitt: Black Form - dedicated to the missing Jews (1987-89)
Sol LeWitt: Black Form - dedicated to the missing Jews (1987-89)

Paul Türpe (Entwurf)/Otto Bommer (Kupferschmied): Stuhlmannbrunnen
Auf dem Vorplatz des Altonaer Museums steht der nicht zu übersehende Stuhlmannbrunnen, benannt nach seinem Stifter Günther Ludwig Stuhlmann (gest. 1872). Dem Gründer und Direktor der Altonaer Gas- und Wasseranstalt AG setzt der monumentale Springbrunnen ein Denkmal im Zeichen des Elements Wasser. Darüber hinaus thematisiert der Brunnen, den der Berliner Bildhauer Paul Türpe in den 1890er entwarf, auch das Verhältnis von Hamburg und Altona. In der Mitte kämpfen zwei sich aufbäumende Zentauren um einen großen Fisch. Im Sommer schießt aus dem Maul des begehrten Fischs die größte Wasserfontäne des Brunnens nach oben. Die ringenden Fabelwesen wurden immer wieder als Verkörperung von Altona und Hamburg verstanden, die um die Vorrangstellung in Fischfang und –verarbeitung konkurrierten. Am Rand des flachen Wasserbeckens beobachten weitere mythologische Gestalten den Kampf: der Meeresgott Triton, eine Nereide und Echsen.
Die Geschichte des Stuhlmannbrunnens gleicht dem Ringen der beiden Zentauren. Erst gut 20 Jahre nach dem Tod von Günther Ludwig Stuhlmann wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und 1900 wurde der Brunnen endlich eingeweiht. 1978 versetzte man ihn schließlich in den südlichen Zugang zum neuen, unterirdischen S-Bahnhof, was vielfach auf Kritik stieß. Seit seiner Restaurierung 1998-2000 steht er wieder oberirdisch und wird seither auch Fielmann-Brunnen, nach den Geldgebern der Restaurierung, genannt.

Paul Türpe (Entwurf)/Otto Bommer (Kupferschmied): Stuhlmannbrunnen (1897-1900)
Paul Türpe (Entwurf)/Otto Bommer (Kupferschmied): Stuhlmannbrunnen (1897-1900)

1. KUNSThappen

 

Dezember 2020:

 

Galerie Carolyn Heinz & Galerie Dr. Nanna Preußners: ARTvent

Klosterwall 13 (Eingang Barlach Halle k)

 

Tita Giese: PflanzenInseln/Plant Ilands (2010)

Verkehrsinseln zwischen Klosterwall 23 (Kunstverein in Hamburg) und Deichtorstraße 1-2 (Deichtorhallen Hamburg)

 

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ARTvent – hinter dem Wortspiel stecken die beiden Hamburger Galeristinnen Carolyn Heinz und Dr. Nanna Preußners, die sich Ausstellungsräume im Galerienhaus zwischen Hauptbahnhof und Deichtorhallen teilen. Meist bespielen sie den Galerieraum im Wechsel. ARTvent ist eine der wenigen gemeinsamen Ausstellungen, bei denen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern beider Galerien zu sehen sind.

In der Ausstellung „ARTvent“ gibt es alles, was das Herz von Liebhaberinnen und Liebhabern abstrakter Kunst höher schlagen lässt. Die farbenfrohen und präzisen Aquarellzeichnungen von Astrid Köppe (* 1974, Köthen) zeigen fantasievolle Formen, die wie unter dem Mikroskop betrachtete, verrückte Lebensformen aussehen. Die Künstlerin Angela Glajcar (*1970, Mainz) spielt mit Papier als Objekt wie keine Zweite. Von weißen, dicken Papierblättern reißt sie Stücke ab oder Löcher hinein. Die so entstandenen Blattstücke hängt sie hintereinander oder klebt sie aufeinander, sodass tiefe Höhlen oder tolle Felslandschaften zu entstehen scheinen.

Beide Galeristinnen sind sehr herzlich und erzählen gerne mehr über die Arbeiten. Über ein ARTvent-Shopping in der Galerie freuen sie sich auch.

 

ARTvent - Galerie Carolyn Heinz
ARTvent - Galerie Carolyn Heinz

 

Tita Giese: PflanzenInseln (2010)

Im Advent einen Hauch sommerliche Stimmung gibt es direkt um die Ecke der Galerie. Hier steht Kunst unter freiem Himmel, die viele Passantinnen und Passanten toll finden, ohne zu wissen, dass es sich um Kunst handelt. Zwischen Kunstverein und Deichtorhallen wachsen auf den Verkehrsinseln Bambus und Palmen – PflanzenInseln. Tita Giese (*1942, Nördlingen) hat sie dort 2010 gepflanzt. Die Künstlerin möchte diesen Un-Ort Verkehrsinsel, an dem niemand gerne verweilt, aber durch Ampeln zum Anhalten aufgefordert wird, zu einem schönen Ort machen, an dem man sich wohlfühlt. Aus den Verkehrsinseln hat sie Pflanzeninseln gemacht, sodass man aus dem Großstadt-Dschungel für einen kurzen Moment auf eine Palmeninsel entfliehen kann – auch im Winter.